Ab sofort „Frauenpower trotz MS“ als Sammelband (3-in-1): Mit 39 Jahren bekam Caroline Régnard-Mayer im Entlassungsbericht der Klinik diagnostiziert, dass sie Multiple Sklerose (MS) hat, die sie in ihrem weiteren Leben nun begleiten sollte. Nach zahlreichen Klinikaufenthalten und erfolglosen Therapien stellte sie sich dieser unheilbaren Erkrankung und nimmt die Leser mit auf eine Achterbahnfahrt, die authentisch und fesselnd erzählt wird. Ihr eigenes Akzeptieren der MS und das Leben mit der Krankheit bedeutet an jedem Tag eine Herausforderung. Dennoch genießt sie ihr Leben, schöpft Kraft im Glauben und der Feldenkraislehre und sieht positiv in die Zukunft. In der vorliegenden Trilogie möchte die Autorin ihre Leser mit einem ähnlichen Schicksal oder Lebenskrise ermutigen.

 

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Leseprobe

Mit Elan und einem Wunschdenken, das Zusammenfassen meiner ersten beiden Bücher und das neu geschriebene vierte Buch würde mir irgendwie ein gutes, zufriedenes Gefühl geben, da irrte ich mich gründlich. Meine Mademoiselle  würde sich jetzt, wenn sie neben mir stehen würde, in die Hosen machen vor lauter Lachen. „Mam­sell, lache nicht so gehässig, dir zeig ich es mal wieder! Erst den ganzen Schlamassel mit dir und deinen Standpauken und jetzt schon wieder Belehrstunden von dir!? Nein danke. Du hast mir sehr geholfen, dafür bin ich dir auf ewig dankbar, aber auslachen lasse ich mich heute nicht mehr von dir. Basta!“ Und mit einer Handbe­wegung war sie gedanklich vom Tisch.

Beim Sortieren und Zusammenfassen der ersten beiden Bücher kamen mir Zweifel, ob die ganze Arbeit sich lohnen würde, auch ob meine Leser oder irgend ein Mensch auf dieser Welt über­haupt interessiert ist, wie sich mein Leben mit der MS bis heute entwi­ckelt hat. Ich musste notgedrungen selbst die Bücher noch­mals durchlesen, denn Absätze und Kapitel, die sich durchs Ko­pieren verschoben hatten, überflog ich flüchtig. Dann über­arbeitete ich doch beide Bücher komplett.

 Ich tauchte ein in Vergangenes, die alten Gefühle der plötzlich veränderten Lebenssituation, die mein ganzes Denken und Fühlen beeinflusst hatten, betrachtete ich mit Abstand der Zeit. Ich hatte mich verändert! Nur fragte ich mich: Habe ich dies wirklich erlebt und überlebt? In den Schubladen der Vergessen­heit waren die Geschichten gut platziert und selten musste ich auch über sie nach­denken. Ich hatte gelernt, meine Altlasten und Verletzungen zu verstehen, die Ursachen teils zu erkennen und die Verantwortung für schmerzhafte Erinnerungen und weniger gute Erlebnisse zu übernehmen, befreite mich von Schuldzu­weisungen anderer Men­schen mir gegenüber und wie im dritten Buch hielt ich mir den Spiegel vors Gesicht. Ich vergab mir selbst, um Frieden mit meinem Innersten zu schließen und die Seele heilte. Dadurch veränderte sich mein Krankheitsverlauf ent­scheidend, das körperliche Wohl­befinden fand den Weg zu mir, die Zukunftsangst reduzierte sich und ich konnte genesen.

 Mamsell wäre jetzt stolz auf mich, hatte ich meine Lektionen in ihrem Unterricht während ihres Einzugs bei mir, doch verstan­den und meine Vermeidungsstrategie, Altes aufzuwärmen und zig Mal durchzukauen, hatte ebenso Erfolg. Der Suppeneintopf wurde nicht ständig erwärmt und ich verdränge nichts mehr, zugegebenerma­ßen nur das Fensterputzen oder das Wäsche bügeln.

 Die MS war meine Chance in der Krise, die eine Daseinsbe­rech­ti­gung hatte, um niemals aufzugeben trotz physischer und psychi­scher Einschränkungen. Jeden Tag entscheide ich aufs Neue, was mir gut tut und wann ich dringend Ruhe brauche. Meine Felden­krais Stunden versäume ich fast nie, und vernach­lässige kaum meine vollwertige Ernährung. Mit Gottes Hilfe ver­änderte ich meinen Blick aufs Leben.

 Heute kann ich über vieles besser reden und erzählen, was meine Erkrankung angeht und die Wut ist verflogen. Alles braucht eben doch seine Zeit. Nach der schwindenden Euphorie kam dann doch die Lust, die Trilogie von „Frauenpower trotz MS“ fertigzu­stellen. Sie werden beim Lesen selbst erfahren, dass ich nicht mehr der­selbe Mensch bin, der das erste Buch geschrieben hat. Und es ist gut so, wie es ist!

 Heute, nach 9 Jahren MS-Karriere nach der Diagnose im Feb­ruar 2004, blicke ich selten zurück. Ich kenne meinen Weg, der vor mir liegt, nicht. Das Ende ist weiterhin offen. Aber die Strecke, die ich zurückgelegt habe: Frust, Zorn, Enttäuschung, nicht ak­zeptieren und kämpfen gegen einen Dämon, der nicht zu be­siegen ist. Verlo­rene Jahre, aber hätte ich sie vielleicht nicht so erlebt und durch­lebt, wäre ich heute nicht der Mensch, der ich geworden bin. Auch mein Umfeld wäre nicht das gleiche. Lieber sich auf das Wesent­liche im Leben und im Alltag beschränken, aber zufrieden und aus­geglichen. Dabei trennte ich mich auch von Bekannten und Freun­den.

 Glück ist ein starkes Wort, das ich im Zusammenhang mit meiner Erkrankung nicht in den Mund nehmen kann. Dank­barkeit und Vertrauen in mich, das empfinde ich oft. Wenn der Dämon morgens an meiner Bettkante sitzt und mich einen beschissenen MS-Tag durchstehen lässt, werfe auch ich kurz­zeitig alles über Bord. Da geht es rund bei mir wie beim Untergang der Titanic, nur im Stillen.

 Ich hadere mit meinem Schicksal, bin traurig, aber die Frus­tration und die Ungerechtigkeit, die ich früher in solchen Gefühlsmomenten verspürte, sind verschwunden. Ich frage mich schon Jahre nicht mehr: „Warum ich?“, sondern denke: „Warum ich nicht?“, wenn überhaupt. Das Aufbegehren gegen diese Erkrankung kostet nur Kraft und Lebensqualität, ich schickte sie vor langer Zeit in den Kosmos und lernte mit dem anders gesund Sein zu leben.

 © Caroline Régnard-Mayer