Sind Sie zufrieden? Jeder könnte glücklich leben, wenn es jene Mitmenschen nicht gäbe, die sich, statt um ihren eigenen Kram zu kümmern, leider viel zu oft ungebeten in alles Mögliche einmischen. Natürlich stets mit nur gut gemeinten Ratschlägen. Was sonst? Eigentlich ist es doch gar nicht schwer, auch anderen einmal ein bisschen Glück zu gönnen, oder? Mit einem Hauch Zufriedenheit geht es ziemlich turbulent zu, in der Fortsetzung von Alles wird gut …

 

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Leseprobe

Lydia hat es sich in ihrem Fernsehsessel gemütlich gemacht und liest im Manuskript ihres neusten Buches. Ihre Gedanken schweifen jedoch immer wieder ab. Seit einiger Zeit kann sie sich auf ihre Arbeit nicht mehr richtig konzentrieren, denn die Geschehnisse der vergangenen Monate haben ihr ein verhängnisvolles Erlebnis, das sie im Alter von sechszehn Jahren hatte, wieder in Erinnerung gebracht. Das hat sie ziemlich aufgewühlt und ganz schön aus der Bahn geworfen.

Wehmütig schaut sie sich in ihrer kleinen Wohnung um. Dieses Jahr hat sie keinen Wert darauf gelegt, ihr Zuhause weihnachtlich zu schmücken. Deshalb freut sie sich auf den Nachmittag des vierten Advents, den sie bei ihrer Freundin Christine im gemütlichen Waldhaus verbringen wird, und besonders auf das lustige Chaos, das die Kinder wieder verbreiten werden.

Eigentlich wollte Lydia Lehrerin werden. Sie kam jedoch noch während des Studiums zu dem Entschluss, sich diesen Stress nicht anzutun. Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und schreibt seit mehreren Jahren Frauenromane.

Christines ruhiges Leben wurde ebenfalls auf den Kopf gestellt. Dank einer genialen Idee ihres Schulfreundes Olli, verbesserte sich ihre Auftragslage enorm, sodass sie inzwischen sogar eine eigene kleine Firma gründen konnte.

Ollis Ehe mit Sybille war nicht berauschend, zumal sich sein Schwiegervater Karl-Otto von Schönbeck immerzu in die Beziehung eingemischt und ihm deutlich zu verstehen gegeben hat, dass er nicht standesgemäß ist. Seitdem Olli herausgefunden hat, dass seine Frau ein Verhältnis hat, gilt seine größte Sorge seinen kleinen Söhnen, denn Sybille ist nicht in der Lage eine liebevolle Mutter zu sein. Deshalb leben der vierjährige Richard und der dreijährige Bertram bei ihrem Vater. Olli ist, seitdem er denken kann, in Christine verliebt, und ihm fiel ein ganzer Felsbrocken vom Herzen, als sie sich endlich für ihn entschieden hat. Seinen Söhnen konnte nichts Besseres passieren, denn sie haben mit Christine eine herzensgute Stiefmama und mit deren siebenjährigem Sohn Daniel sogar einen großen Bruder bekommen. Christines fünfzehnjährige Tochter Tiliana, die alle nur Tilly nennen, ist sehr zufrieden damit, dass ihre Mama endlich mit Olli zusammengefunden hat und glücklich ist.

Christine hatte Lydia nach Tillys Geburt gebeten, deren Patentante zu werden. Lydia hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, kann im Nachhinein jedoch feststellen, dass es ihr gut getan hat, diese Aufgabe zu übernehmen. Tilly und sie sind gute Freundinnen geworden. Lydia ist der Überzeugung, dass das auch daran liegt, weil sie Tilly nicht erziehen muss, sondern nach Herzenslust verwöhnen kann.

Ihre gemeinsame Schulfreundin Jutta ist vor einem halben Jahr wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hat. Eigentlich wollte Jutta nach ihrem Neuanfang erst einmal zur Ruhe kommen, aber ihre vierzehnjährige Tochter Jenny sorgt mit ihrem pubertären Verhalten dafür, dass einige Haare ihrer Mutter unterdessen ergraut sind. Außerdem stolperte sie – wie das Leben eben so spielt – nach nur kurzer Zeit über den Richtigen und das auch noch mit `Liebe auf den ersten Blick´.

Wer hat schon so ein Glück?

Jutta hatte dabei gleich doppeltes Glück, denn Markus traf es bei ihrem Kennenlernen ebenfalls wie aus heiterem Himmel.

Als unzertrennliche Schulfreunde standen sich Olli, Christine, Jutta und Lydia jederzeit bei, und auch heute handeln sie wieder nach dem Motto: „Gemeinsam haut uns nichts so schnell um.“

Sie sind immer noch der Überzeugung – Alles wird gut … irgendwann. Man muss nur geduldig warten können.

Christine ist gerade mit den Vorbereitungen für den vierten Advent fertig geworden. Endlich hat sie es geschafft, auch im Vorgarten für ein bisschen weihnachtliche Atmosphäre zu sorgen. Ihre Nachbarn hatten bereits vor einigen Wochen geschmückt. Da es in den letzten Tagen sehr viel geschneit hat, ist von deren Dekoration jedoch kaum noch etwas zu sehen. Nach einem prüfenden Blick aus dem Flurfenster, stellt sie zufrieden fest, dass ihr Eingangsbereich nun auch einen festlichen Eindruck macht.

Tilly bringt ihr das Telefon.

„Jutta möchte dich sprechen“, sagt sie.

„Hallo, Jutta“, begrüßt Christine ihre Freundin. „Ich wünsche euch einen schönen vierten Advent.“

„Das wünsche ich euch auch“, antwortet Jutta. „Christine, entschuldige bitte, dass ich dich anrufe, aber ich weiß mir keinen anderen Rat mehr.“

Christine hört an der Stimme ihrer Freundin, dass diese sehr aufgeregt ist und versucht, sie zu beruhigen: „Du weißt doch, dass du mich jederzeit anrufen kannst. Was ist denn passiert?“

„Ich traue mich gar nicht es auszusprechen“, sagt Jutta verzweifelt. „Jenny wird entsetzt sein und meine Mutter erst.“

Christine wartet gespannt.

„Ich bin schwanger“, flüstert Jutta.

„Wow. Damit habe ich nicht gerechnet.“

„Siehst du. Damit habe ich auch nicht gerechnet“, sagt Jutta aufgebracht. „Alle werden erschüttert sein.“

„Was sagt denn Markus dazu?“

 „Der weiß es noch gar nicht, weil er bereits am Freitag zu seinen Eltern gefahren ist. Er hatte gestern Klassentreffen und kommt nachher erst zurück. Außerdem bringt er seine Eltern mit. Sie wollen Jenny und mich endlich kennenlernen und das Weihnachtsfest mit uns feiern. Die werden aus allen Wolken fallen. Der erste Besuch und dann gleich so eine Hiobsbotschaft. Außerdem weiß ich nicht, wie ich das meiner Mutter beibringen soll. Ich höre sie jetzt schon zetern.“

„Wieso deiner Mutter?“, fragt Christine. „Markus sollte es als Erster erfahren. Warte ab, wie er auf diese freudige Nachricht reagiert.“

„Oh Gott. Wie kommst du auf freudig?“, fragt Jutta unter Tränen. „Das wird allen das Weihnachtsfest verderben.“

„Das glaube ich nicht. So wie ich Markus einschätze, ist er vielleicht überrascht, aber nicht entsetzt. Immerhin ist er auch daran beteiligt“, stellt Christine fest. Als Jutta sich dazu nicht äußert, fragt sie: „Oder etwa nicht?“

„Doch, doch“, erwidert Jutta schnell. „Was denkst du denn von mir?“

„Bei deiner Reaktion könnte man fast annehmen, dass Markus nicht der Vater ist.“

„Nein, äh, doch“, stammelt Jutta. „Ich habe es erst am Freitag erfahren. Seitdem grüble ich hin und her.“

„Warte einfach ab, was Markus dazu sagt“, rät ihr Christine. „Er sollte dein erster Ansprechpartner sein und niemand sonst. Es ist euer gemeinsames Kind. Lasst euch bloß von niemandem reinreden, sonst ärgert ihr euch für den Rest eures Lebens.“

„Du hast ja Recht. Aber am Telefon möchte ich es ihm nicht sagen. Er merkt doch sofort, dass mich etwas bedrückt, wenn er nur meine Stimme hört. Was soll ich nur machen? Ich kann doch seine Eltern nach der Begrüßung nicht einfach zur Seite schieben und mit Markus allein reden. Das macht nicht gerade einen guten ersten Eindruck.“

„Du wirst schon einen ruhigen Moment finden. Jutta, Markus ist ein ganz toller Mann. Du erlebst doch täglich, dass er Janek ein liebevoller Vater ist, und sogar um deine Tochter ist er sehr bemüht, obwohl das auf Dauer ziemlich schwer ist. Ihr seid beide im Umgang mit Teenagern geübt. Wer das aushält, ohne die Nerven zu verlieren, schafft es auch, ein Baby zu versorgen. Du solltest dir keine Sorgen machen.“

„Meinst du wirklich? … Hmm. Ja, ich weiß, aber ich kann einfach nicht mehr klar denken.“

„Das kann ich gut nachvollziehen. Mach dich nicht verrückt. Ich weiß, dass das leicht gesagt ist, weil es mich nicht betrifft.“

„Danke, Christine, dass du mich wenigstens etwas beruhigt hast.“

„Wenn du nicht allein sein möchtest, kannst du gern zu uns kommen. Du weißt doch, dass bei uns immer so ein Trubel ist, dass jeder von seinen Sorgen abgelenkt wird.“

Als Jutta an ihren letzten Besuch im Waldhaus und das lustige Durcheinander denkt, muss sie lächeln. Trotzdem lehnt sie Christines Angebot ab.

„Nein, danke. Ich störe euch bloß mit meinem Gejammer und verderbe allen die Stimmung. Ich muss noch einiges erledigen. Außerdem müsste Markus jeden Moment kommen, und Jenny und Janek sind nach der Generalprobe des Weihnachtsmärchens auch wieder hier. Eigentlich sollte für uns dieser Advent ein besonders schöner Familientag werden. Ich muss wieder alles verderben.“

„Nun warte es doch erst mal ab. Und sprich auf jeden Fall zuerst mit Markus“, sagt Christine eindringlich und verabschiedet sich.

Sie zumindest freut sich schon mal für Jutta und Markus.

Als sie ins Wohnzimmer kommt, schaltet Olli gerade den Plattenspieler an. Das leise Kratzen der Nadel lässt erkennen, dass die Schallplatte schon oft abgespielt wurde. Er lächelt Christine an.

„Es geht doch nichts über die alten Weihnachtslieder“, sagt er. „Da komme sogar ich in eine festliche Stimmung. Die Jungs haben mich vorhin gefragt, ob sie ein Märchen hören dürfen. Ich habe sie auf später vertröstet, damit wir uns nachher mit Lydia in Ruhe unterhalten können. Ich bin erstaunt, wie lange sie still sitzen und andächtig lauschen können, sowie eine Geschichte beginnt. Nur gut, dass deine Mutti die alten Märchenschallplatten aufgehoben hat. Solche Hörerlebnisse prägen auch ihre Kindheit, und sie werden sich hoffentlich später daran erinnern.“

„Das kann ich nur bestätigen“, sagt Christine. „So oft, wie ich die Platten als Kind gehört habe, kann ich die meisten Texte heute immer noch mitsprechen.“

Sie setzen sich auf die Couch und genießen die Musik.

Als Lydia bei ihnen ankommt, hat die Dämmerung bereits eingesetzt. Die Lichter der Außenbeleuchtungen lassen die tief verschneite Waldsiedlung in einem festlichen Glanz erstrahlen.

„Leider ist von den weihnachtlichen Dekorationen der anderen Anwohner nicht mehr viel zu sehen“, denkt sie.

Vor der Haustür klopft sie sich den Schnee von den Stiefeln und betritt den Flur.

„Das ist das Schöne an Christines Zuhause – man kann einfach eintreten und ist immer willkommen.“
© Heidi Dahlsen