Jenseits unserer Vorstellungskraft liegt die magische Welt Malvadin. Ein Land der Träumer und voller Wunder. Ein Ort, in dem jedes Geschöpf lange Zeit friedlich und glücklich lebt. Doch dann nimmt das Unglück seinen Lauf. Der Mensch entdeckt diese Welt für sich, und mit ihm ziehen das Böse sowie seine Diener in Malvadin ein. Die einst friedvolle Ordnung zerbricht und ein Krieg der jahrzehntelang tobt, zerstört alles, was jemals an Gutem in Malvadin existierte. In diese Welt wird Wusch, das Kind einer verbotenen Verbindung zwischen einer Hoch- und einem Schattenelbrax geboren. Ab dem Tage ihrer Geburt ist Wuschs Leben von Traurigkeit gezeichnet. Vom Volk verachtet bleibt ihr nur die Magie.

Als sie eines Tages einen schwerwiegenden Fehler begeht, wird die kleine Elbrax von aus dem Dorf verstoßen. Fortgejagt, einsam und ohne ein Ziel begibt sie sich auf ihre Reise. Immer auf der Suche nach dem Glück. Jedoch der Weg ist steinig und gefährlich, denn Wusch verbirgt ein Geheimnis, das nicht einmal sie selber kennt.

 

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Leseprobe

Wolf schrak aus seinen Träumen auf. Das Erste was er beim Erwachen registrierte – Wusch, wie sie in größter Gefahr schwebte. Die Gestalt, die sich über die Gefährtin beugte, schien dem Ort der Verdammnis entsprungen zu sein. Ohne Zweifel hatte sie nichts Gutes im Sinn. Entschlossen, seiner Freundin zu Hilfe zu eilen, preschte er vorwärts.

Jedoch kurz vor seinem Ziel, Dragons Rücken schon im Visier, bereit sich auf ihn zu stürzen, durchfuhr ihn ein Schmerz, der ihn erstarren ließ. Seine Muskeln streckten sich, die Knochen begannen zu knacken und Zähne wuchsen in seinem Mund. Jeder Zentimeter seines Leibes brannte wie Feuer, unmöglich zu ertragen. Wolf krümmte sich und heulte qualvoll auf. Ein böses Knurren erklang aus seinem Maul. Erschrocken die Tatze vor das Maul haltend, die Augen nach unten gerichtet, sah er, wie lange Krallen aus ihr zu wachsen begannen. In Windeseile vollzog sich die Verwandlung, und durch nichts zu stoppen, durchbrach das Monster seinen Widerstand. In Sekundenschnelle bemächtigte es sich seines Willens sowie seines Körpers. Es schlüpfte in ihn hinein, benutzte Wolf als Hülle und trieb ihm seinen freien Willen aus. Bald schon ragte sein Körper bis an die Decke der Höhle. Der Rest des Menschenkindes begann zu schwinden.

Wolf fiel auf alle Viere und machte einen Schritt nach vorne. Nervös, hektisch drehte er den Kopf in alle Richtungen. Nur noch undeutlich erkannte er die Umrisse seiner Freunde. Er zog die Lefzen hoch, zeigte seine angst einflößenden Zähne. Kratzte mit den Krallen tiefe Rillen in die Steine der Höhle. Ein Zittern durchlief seinen Körper, und das Verlangen, zuzubeißen, trieb ihn fast in den Wahnsinn. Alles in ihm schrie danach, der Bestie nachzugeben. Einzig das bisschen Menschlichkeit, das in ihm existierte, das, was die Bestie nicht zum Verstummen brachte, hielt ihn davon ab, sich auf sie zu stürzen.

Wolf schüttelte seinen Körper, kurzzeitig kehrte ein menschlicher Zug zurück in sein Gesicht. Dann begann auch dieser zu schwinden. Phiadora zugewandt zögerte er nicht lange. Erkenntnis lag in ihrem Blick. Rasend schnell drehte Wolf sich um die eigene Achse, und ohne zurückzuschauen, hastete er fort, raus in die Nacht. Das letzte Stück Gewissen ließ ihn flüchten und rettete den anderen ihr Leben.

Wolf rannte und rannte. Der Mond am Himmel begleitete ihn. Keineswegs in seiner vollständigen Größe, auch noch nicht von der blutroten Farbe bedeckt. Jedoch riss er Wolf mit sich, trieb ihn an, immer weiterzulaufen. Nichts, auch das Unwetter, konnte ihn stoppen. Weder Regen, Sturm oder Gewitter ließen ihn anhalten. Die Bestie lebte und sie liebte ihre Freiheit. Er durchbrach Büsche, hastete über das nasse Gras. Die Krallen schlugen große Stücke aus dem Boden. Lehmige Erdbrocken flogen durch die Luft und bedeckten seinen Körper. Das Leben des wahren Wolfes pulsierte in seinen Adern, und der Instinkt des Raubtieres beherrschte ihn. Mit aufgerissenem Maul, Augen, die vor Glück strahlten, preschte er durch die Nacht. Folgte der inneren Stimme, gab sich dem Verlangen hin. Seine Freunde waren nur noch schemenhafte Phantome, die immer mehr in den Hintergrund seines Verstandes rückten. Das Tier, so lange gefangen, löste die Fesseln. Freiheit, das Begehren, welches ihm zuflüsterte, mit der Bestie eins zu werden, hatte gesiegt – Wolf tötete. Während er mit dem Teufel um die Wette zu laufen schien, schnappte er zu, zerfetzte alles, was seinen Zähnen zu nahe kam. Schmeckte den Blutgeschmack im Maul und jagte bereits dem nächsten Opfer hinterher. Wolfs Beute, Hasen, Ratten, Katzen, wildlebende Tiere, deren einziger Lebenssinn darin bestand, Nahrung für die anderen zu sein, erlagen dem Schicksal, ihm zu begegnen.

Wolf liebte den Mond, die Freiheit, die Lebendigkeit, die ihn erbeben ließ. So lief er weiter mit dem Mond um die Wette, bis der Morgen anbrach und er erschöpft ins Gras sank …

© Verena Grüneweg